Warum vor deinen Problemen zu Hause (mit deinem neurodiversen Kind) davonlaufen nichts bringt

Jahresendreflektion

Jahrelang bin ich trotz totalem Chaos zu Hause zur Arbeit gegangen. 80% Arbeitspensum und einen Job im Verkauf. Immer on the go, Reisen, Meetings, Kunden, Umsätze und Gewinne die zu erreichen waren. Schneller, weiter, höher. Obwohl zu Hause nichts so lief wie ich es mir vorstellte. Aber das Problem mit einem nicht zu navigierenden Kind zu Hause war so gross, dass ich mir ständig einredete, dass ich zur Arbeit muss, um meine mentale Gesundheit zu erhalten.

Ein Teil von mir hatte sicher recht. Ich war so hilflos und das Problem so gross und vor allem meine Nerven nicht existent, dass ich dachte es war besser mein Kind von Fremden betreuen zu lassen als von mir. Meine Hilflosigkeit war enorm, aber wer ist schon gerne hilflos. Meine Scham und Schuld war genauso gross, denn eigentlich wollte ich ja immer Kinder, aber nun da Sie mir meine Freiheit und meinen Seelenfrieden raubten, fühlte ich mich schlecht. Um das ganze wettzumachen, wurde ich noch mehr zum Arbeitstier im Büro. Denn all diese negativen Gefühle zu fühlen war nicht auszuhalten.

Heute weiss ich, dass dieses harte Arbeiten, mein Perfektionismus, mein ganzer Zuckerkonsum am Abend, das Glas Wein oder Prosecco das so gut schmeckte und ich mir redlich verdient hatte, eigentlich immer nur Vermeidungsstrategien waren – diese ganzen negativen Gefühle nicht tatsächlich wahrzunehmen und auszuhalten. Lieber stresste ich mich noch mehr. Im Büro, so dachte ich, bekam ich wenigstens die Anerkennung die mir zu Hause fehlte. Und so rannte ich vor dem eigentlichen Problem und dem damit verbundenen Schmerz die ganze Zeit davon.

Die Folgen sind unschön

  1. Ich war so gestresst, dass ich überhaupt keine Nerven mehr hatte – ein Glas das zu Hause herunterfiel war eigentlich schon zu viel des Guten
  2. Mein Körpergewicht nahm stetig zu
  3. Ich konnte selbst in Pausen nicht «Abschalten», mein Hirn lief immer auf Hochtouren (dafür dachte ich einfach immer an alles und war bestens organisiert – lies hier den Artikel zu Perfektionismus)
  4. Mein Schlaf war nicht mehr der Beste
  5. Ich hatte ständig neue körperliche Beschwerden, von denen ich nicht wusste, wie ich sie wieder in den Griff bekam
  6. Meine Beziehung zu meinem Partner litt

Und ich könnte diese Liste noch locker um einige Punkte erweitern, aber ich glaube du weisst, wohin ich damit will.

Denn das Vermeiden all dieser negativen Gefühle, hiess nicht, dass sie nicht trotzdem da waren. Im Gegenteil, dadurch dass ich diese Gefühle versuchte auf die Seite zu schieben, wurden sie immer grösser und führten zu einer ganzen Anreihung von noch grösseren Problemen.

Oder wie schon Carl Jung sagte «What you resist, persists.»

Es ist etwa so, wie wenn die Motorwarnleuchte an deinem Auto blinkt, du das Licht aber stetig ignorierst, und zwar so lange bis der Motor einen Totalschaden erleidet. Bei unserem Auto würden wir in die Werkstatt gehen, bei uns selbst ignorieren wir es allzuoft.

Was hat das ganze jetzt also mit dem Jahresende zu tun?

Wenn davonlaufen also nichts bringt, dann sollten wir wenigstens ehrlich zu uns werden und nachsehen, was genau da aus dem Ruder läuft. So wie die Natur draussen pausiert und Ruhe einkehrt, so sollten wir das gleiche tun. Diese Zeit im Jahr bietet sich perfekt an, um zu pausieren und zu reflektieren und auch ein bisschen zu Träumen wie dein Leben im Idealfall aussehen könnte. Denn, es ist mehr möglich, gerade für Eltern mit neurodiversen Kindern.

Nachdem sich das Jahr 2022 also schon bald verabschiedet, wollte ich deine Aufmerksamkeit daher noch einmal auf das vergangene 2022 lenken, um es für dich selbst zu reflektieren und vielleicht auch Klarheit darüber zu erlangen, was sich im 2023 für dich ändern darf. Am besten beantwortest du dir diese Fragen schriftlich und nimmst dir Zeit und einen ruhigen Moment dazu.

Reflektionsfragen

  1. Was waren deine Prioritäten für 2022 und wo stehst du jetzt?
  2. In welchen Situationen warst du besonders gestresst und konntest dich nicht so verhalten, wie du es gerne gehabt hättest?
  3. Wo haben sich grosse oder kleine körperliche «Baustellen» bei dir gezeigt?
  4. Welche Emotionen sind bei dir am häufigsten und wie fühlst du dich damit?
  5. Welche Beziehungen laufen gut und wo kriselt es oder gibt es (stetige) Reibung.
  6. Wo hattest du im Jahr 2022 ausreichend Hilfe und Support und wo nicht?
  7. Für was bist du dankbar im Jahr 2022?
  8. Was lief im Jahr 2022 richtig gut und darfst dafür feiern?
  9. Was ist dir für 2023 wichtig. Wie soll 2023 für dich aussehen, wenn du am Ende des Jahres wieder eine Reflektion startest?
  10. Was darf sich im Jahr 2023 ändern im Vergleich zum Jahr 2022?
  11. Woran darfst du im Jahr 2023 daher an dir arbeiten, darfst dich entwickeln oder loslassen oder ganz einfach anders machen?

Bei mir war früher immer der Wunsch da, ausgeglichener zu werden, abzunehmen, nicht mehr zu schreien, glücklich(er) zu sein, Zeit für mich zu haben, ein bessere Mama zu sein oder einfach im Lotto zu gewinnen (= der Klassiker unter den Wünschen der Vermeidungsstrategien ;-))

Ich habe lange nicht realisiert, dass meine Motorwarnleuchte in hellem rot geleuchtet hat. Daher wünsche ich dir, die Erkenntnis darüber wie sehr du gerade «im roten Bereich» läufst und wünsche dir die Klarheit darüber, was sich für dich im neuen Jahr daher ändern darf.

Wenn du dann zum Schluss kommst, dass es Zeit für Veränderung ist, dass du gerne hinschauen würdest, wo es genau bei dir «brennt» und wie Veränderung und Entwicklung auch mit und für neurodiverse Kinder möglich wird, dann melde dich gerne bei mir. Ich bin ready für dich, wenn du es bist!

Auf ein Fest voller Liebe und ein 2023 voller Zuversicht, Mut und Veränderung.

Alles Liebe,

Carmen

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