Erkläre ich meinem Kind die Diagnose und wenn ja, wie?

Jahrelang hatten wir keine Diagnose und trotzdem merkten wir alle, dass unser Sohn anders ist als unsere Tochter und auch viele andere Kinder. Wie wir das unserem Kind, geschweige denn allen anderen erklären sollten wussten wir nicht. Bis zu diesem Zeitpunkt hiess es: dass es ein «Entwicklungsrückstand sei» und wenn ich dies den Leuten sagte, meinten sie «ach so nennt man das jetzt.» Mit 9 Jahren hatten wir dann eine Diagnose von frühkindlichem Autismus und ADHS und es stellte sich mir wieder die Frage, erkläre ich nach so vielen Jahren diese Diagnose meinem Kind und allen anderen und wenn ja wie? Manche denken sich jetzt vielleicht, warum ich mir diese Frage überhaupt stellte, daher handelt der heutige Blog genau darum, sag ich es meinen Kindern und wenn ja wie?

Vor- und Nachteile einer Diagnose

Ich habe ja schon mal einen Blogartikel zum Thema Diagnose geschrieben (findest du hier). Aber ich habe dort nie die Vor- und Nachteile einer Diagnose beleuchtet, was ich heute mal nachholen will. Denn wie alles im Leben gibt, es 2 Seiten einer Medaille.

Die Vorteile:

  • Sofern sie richtig ist, weisst du mit was du es zu tun hast und kannst nach körperlichen Ursachen und Lösungsansätzen suchen
  • Sie ermöglicht dir dein Kind besser zu verstehen und damit besser auf Bedürfnisse einzugehen
  • Sie nimmt Druck aus Erwartungen (was das Kind können sollte) und hilft somit beim Beziehungsaufbau bzw. Beziehungserhalt
  • Dadurch dass du diese Erklärung auch nach aussen abgeben kannst, haben Lehrer, Verwandte und andere nahestehende Personen eventuell mehr Verständnis für dein Kind und deine Aufgabe (Achtung: dies ist aber nicht immer der Fall)
  • Das diagnostizierte Kind/Erwachsene spürt Erleichterung, da die Diagnose tatsächlich Andersartigkeit im Verhalten oder Fähigkeiten erklärbar machen kann. Die oftmals gefühlte «Schuld» kann daher der Diagnose und nicht mehr sich selbst gegeben werden.

Die Nachteile:

  • Dein Kind wird in eine (Diagnose-)Schublade verfrachtet und weitere Anstrengungen aller Beteiligten (Ärzte, Lehrer etc) an diesem Status Quo etwas zu verändern sind oftmals gering. «Mein/Ihr Kind ist behindert, da kann man nichts machen.»
  • Die Folge davon ist, dass das Erwartungsniveau aller Beteiligten so sehr heruntergeschraubt wird, dass tatsächlich keine Entwicklung möglich ist.
  • Die Diagnose wird von anderen als Ausrede für mangelnde Unterstützung und Entwicklung benutzt: «Ihr Kind wird nie Lesen und Schreiben können.»
  • Das diagnostizierte Kind / Erwachsene identifiziert sich so mit der Diagnose, dass es selbst keinen inneren Antrieb mehr findet die eigene Situation zu verbessern. In der Regel verschlimmern sich Symptome dann auch, da die Identifikation mit Symptomen diese auch hervorhebt. Diese Lenkung des Bewusstseins auf Symptome erhöht aber oftmals auch eigenen Frust und oft werden andere/ das Umfeld dafür verantwortlich gemacht. «Ich bin halt so, ihr müsst mich einfach so akzeptieren wie ich bin.»

Ich finde es ist generell gut sich darüber im Klaren zu sein, warum (zu welchem Zweck) und wem man die Diagnose mitteilt. Ausserdem geht es mir nicht darum etwas zu verheimlichen oder zu vertuschen, sondern nur darum, ob man das Diagnoselabel bei einem Gespräch verwenden will oder nicht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Gespräch?

Richtig oder falsch gibt es ja zum Glück nicht. Es gibt allerhöchstens bessere und schlechtere Momente. Zum einen schaffe erst dir Klarheit, was die Diagnose bedeutet, mach dich schlau und schaffe dir selbst emotionale Ausgeglichenheit. Wenn du selbst bei dem Gespräch in Tränen der Bestürzung und Hoffnungslosigkeit ausbrichst, dann ist deinem Kind damit nicht geholfen. Es gilt jetzt grösstmögliche Sicherheit für dein Kind zu schaffen.

Zum anderen beachte den emotionalen und mentalen Zustand deines Kindes. Ist es gerade relativ ausgeglichen und zugänglich? Hat es gewisse Ängste die es zu beachten gilt z.b. nicht Gesund zu sein, nicht dazuzugehören etc oder hat es einen niedrigen Selbstwert und fühlt sich generell schon schlecht und mies? Sorge für eine gute Stimmung, Ruhe und keine Störung für das Gespräch, auch Geschwister sind hier eher nicht angebracht. Obwohl es hilfreich ist, mit den Geschwisterkindern ein separates Gespräch zu führen.

Wie spreche ich am Besten darüber?

  1. Starte mit deinen Beobachtungen und frage dein Kind, ob es dies auch schon selbst festgestellt hat.
  2. Mach es nicht zu kompliziert, einfache Erklärungen genügen. Passe deine Sprache dem Entwicklungsstand deines Kindes an. Achte auf einen ruhigen Tonfall.
  3. Drücke dein Mitgefühl für die Situation aus und erzähle deinem Kind von der Diagnose und wie du ihm helfen und es unterstützen wirst, dass diese Symptome langsam aber sicher besser werden und verschwinden.
  4. Erstelle vielleicht sogar gemeinsam eine Liste aus allen Symptomen, die dein Kind verbessert haben will und priorisiere sie nach der Wichtigkeit für dein Kind.
  5. Vergiss dabei aber nicht auch die Stärken deines Kindes hervorzuheben und dass «Anders sein» nichts Schlechtes ist, sondern wir alle anders sind und dass diese Vielfalt genau das ist, was so wunderbar ist. Vielleicht könnt ihr auch gemeinsam eine Liste von Stärken und Vorlieben deines Kindes erstellen.
  6. Zu guter Letzt vergiss nicht Hoffnung zu etablieren und den Glauben daran, dass alles, was jetzt schwierig und schlecht erscheint besser und gut wird. Du bist die Person, die diesen Glauben immer haben muss, auch wenn ihn dein Kind noch nicht selbst besitzt.
  7. Stelle sicher, dass dein Kind weiss, dass du es immer liebst, genau so wie es jetzt gerade ist!

Wie rede ich mit den Geschwistern darüber?

  1. Starte wieder mit deinen Beobachtungen und äussere deine Vermutung, dass Ihnen diese auch bereits aufgefallen sind. Verifiziere.
  2. Biete Ihnen deine Hilfe an, diese oftmals schwierigen Situationen besser zu verstehen und einzuordnen. Biete dein Mitgefühl an, dass dies auch nicht leicht für Sie ist.
  3. Verwende einfache Sprache oder erzähle was die Diagnose heisst, wie: «unsere Gehirne sind alle anders und einzigartig und dein Bruder/Schwester nimmt die Umwelt ganz besonders war.»
  4. Schäle die guten Seiten und Särken deines Kindes mit Diagnose heraus
  5. Weise auf die Momente hin, wo sie die Liebe füreinander spüren, bei gemeinsamen Aktivitäten oder Interessen die sie teilen etc.
  6. Weise darauf hin, dass wir alle anders sind und wir deshalb ganz einzigartig sind und dass dies etwas ganz Fantastisches ist.
  7. Biete deine Unterstützung an, sollten die Geschwister jemals gehänselt oder gemoppt werden aufgrund ihrer speziellen Familiensituation.
  8. Erkläre Ihnen, wo und wie sie den Bruder/ Schwester vielleicht schon unterstützen können. Z.b. Ernährungsanpassung mitmachen, langsamer reden, aussprechen lassen etc.

Ich hoffe, dass dir diese Tipps helfen, mit der neuen Diagnosesituation umzugehen. Wenn du dabei Hilfe brauchst, für dich, deine Kinder oder mit Verwandten und Lehrern, melde dich.

I got you!

Alles Liebe

Carmen

Anmeldung zum wöchentlichen Impulsbrief
Du möchtest regelmässig einen Impuls von mir erhalten, wie du mit deiner Situation und deinem verhaltensauffälligen Kind umgehen kannst? Melde dich hier an.
Marketing by