Druck und Gegendruck – das Disasterrezept

Eigentlich wusste ich es schon lange. Je mehr Druck und Strenge ich auf mein verhaltensauffälliges Kind ausübte, umso weniger gut konnte ich mein Kind dazu bewegen zu tun, was ich in diesem Moment von ihm wollte. Nur wie ich dies ändern konnte, das wusste ich nicht. Denn andere Erziehungsmethoden fehlten mir. Wir steckten also in immer wiederkehrenden gleichen oder ähnliches Situationen fest und der letzte Ausweg war immer «wenn du jetzt nicht, dann…..» oder wir steckten beide in einem nicht enden wollenden Machtkampf fest. Danach ärgerte ich mich über mich selbst und auf Dauer wurde das Verhalten meines Sohnes noch schlimmer.

Im heutigen Blog erkläre ich Euch also, warum Druck ausüben immer ein Disasterrezept ist und wie wir stattdessen handeln können.

Die Physiologie

Verhaltensauffällige Kinder sind immer in sympathischen Nervensystemzuständen zu Hause in denen Kampf, Flucht oder Schockstarre vorherrscht. Wenn du ein aggressives Kind hast (die Eltern oft am Meisten Probleme bereiten) dann ist es im Kampfmodus. Es fühlt sich angegriffen. In dem Moment wo du also noch mehr Druck auf dein Kind ausübst, verschlimmerst du die Reaktion deines Kindes. Es steht unter noch mehr Adrenalin. Du wirst buchstäblich zum Säbelzahntiger für dein Kind. Solange das so ist, ist logisches Denken aber unmöglich und Kooperation ebenfalls.

Die Psychologie

Wer kennt es nicht, auf negativen Druck reagieren alle von uns mit verschiedenen Strategien, die wir uns sehr wahrscheinlich in unserer Kindheit angeeignet haben.

In dem wir also Druck auf unsere Kinder ausüben, sei es Zeitdruck, Androhungen, Druck etwas (fertig) zu machen, eine Aufgabe zu erledigen (Räum jetzt dein Zimmer auf), etwas zu sagen etc. verschlimmern wir diesen Kindern diese Aufgabe tatsächlich zu erledigen. Da sie der Druck sprichwörtlich lahm legt. Wir erreichen also das genaue Gegenteil, von dem was wir eigentlich wollen.

Warum üben wir Druck aus?

Da darf natürlich jeder gerne mal selbst in sich hineinspüren, aber ein paar Dinge führe ich hier gerne für Euch aus:

  1. Wieder mal stehen uns kulturelle Überzeugungen und elterliche Glaubenssätze im Weg – die meisten von uns sind mit der Idee aufgewachsen, dass man unter Druck eine bessere Leistung erbringt. Allerdings trifft das nicht auf jeden zu und vor allem ist es kein gesunder Weg unsere Kinder zu motivieren – egal was für ein Kind.
  2. Eigener Druck den wir einfach weitergeben. Das klassische Beispiel ist Zeitdruck, wenn wir diesen selbst verspüren, werden unsere Kinder auf einmal zum Säbelzahntiger und wir üben oft unnötigen Druck aus.
  3. Eigene Ängste die uns ebenfalls kontrollieren lassen.
  4. Eigene Erwartungen die uns im Wege stehen. «Mit 10 Jahren sollte mein Kind doch jetzt xy können.» Für mich ist das eine der grössten Hürden die Eltern nehmen müssen. Was Kinder können und was nicht, hängt stark von Ihrer Hirnentwicklung ab und da die wenigsten Eltern über Hirnentwicklung informiert sind, haben alle viel zu hohe Erwartungen an ihre Kinder. Frust vorprogrammiert und zwar auf beiden Seiten.
  5. Du bist ein notorischer Helfer und Problemlöser und möchtest deinem Kind gerne immer schnell helfen und möglichst viele schlechte Erfahrungen für dein Kind vermeiden.

Was dann?

Wenn wir uns also einig sind, dass mehr Druck auszuüben weder gesund noch förderlich für unsere Kinder ist, dann ist die Frage, welche Erziehungsmethoden wir dann stattdessen anwenden können.

Als erstes finde ich mal wichtig, dass wir das Erkennen und es also nicht darum geht diese eine Auseinandersetzung zu gewinnen (kurzfristig zu denken) sondern langfristig zu denken. Eine gute Beziehung aufzubauen, auf der dein Kind früher oder später freiwillig kooperieren wird. Einfach gesagt, braucht es mehr Liebe und Verständnis und weniger Druck und Strenge.

Wenn wir davon ausgehen, dass das Kind nicht absichtlich Dinge nicht macht oder nicht so macht wie wir uns sie vorstellen, dann kann dies folgende Ursachen haben:

  • Unbefriedigte Bedürfnisse
  • Fehlende Fähigkeiten/Entwicklung des Kindes
  • Es ist gerade dereguliert

Unsere Kinder brauchen demnach unsere Hilfe, bei der eigenen Regulierung, bei der Bedürfnisbefriedigung aber auch im Ausbau ihrer Fähigkeiten. Vom stetigen Wiederholen dass es jetzt sein Zimmer aufräumen soll, wird dein Kind das Zimmer nicht schneller oder besser aufräumen. Aber deine Beziehung leidet, denn es fühlt sich nicht verstanden, gesehen und gehört. Für Kinder mit Entwicklungsrückständen sind «ganz normale» Dinge oft viel schwerer auszuführen als wir denken. Sie müssen eine Unmenge mehr leisten, als andere Kinder. Dessen sind wir uns oft einfach gar nicht bewusst. Vor allem weil uns diese Dinge vielleicht total einfach fallen.

Unsere Kinder sollen sich also bei uns gehört und gesehen fühlen. Ohne Druck, obwohl wir so gerne helfen würden und auch gleich alles für unser Kinder in Ordnung bringen würden. Aber lernen werden unsere Kinder trotzdem vom «Selber Machen» und unserer sanften Führung. Z.b. ich bemerke gerade, dass du gerade Mühe hast deine Hausaufgaben anzufangen. Magst du mir sagen, warum dass gerade so schwer für dich ist? Und dann warte mal was kommt. Auf die Dauer wird dein Kind immer besser in der Lage sein, sich selbst zu reflektieren und das ist eine Fähigkeit, die für das spätere Leben mal Gold sein wird.

Wenn du deinem Kind dazu noch die nötige Autonomie geben kannst (also etwas entscheiden zu dürfen) und auch mal einen Fehler zu machen oder mal eine «schlechte Erfahrung» zu machen dann etablierst du ganz sicher mehr Lebenserfolg für dein Kind als mit mehr Druck. Lerne loszulassen. Letzten Endes haben wir doch alle das gleiche Ziel, oder nicht?

Wie steht es bei dir, gehörst du auch in die Kategorie «Helfer und Problemlöser» und übst dadurch unnötig viel Druck auf dein Kind aus? Schreib mir.

Alles Liebe

Carmen

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