Autistische Kinder aus der Komfortzone bringen – ist das sinnvoll?

Ich habe euch einen update versprochen, wie wir dieses Jahr Weihnachten verbracht haben und das werde ich doch gleich in Form des heutigen Blogartikels tun. Wir waren nämlich in Thailand. So eine weite Auslandreise habe ich mich noch nie getraut zu machen. Bisher hatten wir unsere Ferien immer im nahen Ausland verbracht. Ich wurde im Vorfeld also tatsächlich gefragt, warum ich mir so einen Trip überhaupt aufbürden würde. Daher der heutige Blogartikel, in dem es um Auslandsreisen, aber auch generell ums Thema raus aus der Komfortzone und rein in die Wachstumszone geht.

Was macht eine weite Auslandsreise so schwierig für besondere Kinder?

  • Grosse Menschenansammlung an Flughäfen und öffentlichem Verkehr
  • Extrem viele Sinneseindrücke
  • Rigide Sicherheitskontrollen, die befolgt werden müssen
  • Langes Sitzen im Flugzeug
  • Die üblichen Mittel der Beruhigung stehen allenfalls nicht zur Verfügung
  • Viele neue Situationen und grosse Unsicherheit -> Angst und emotionalen Stress
  • Anderes Klima, grosse Zeitverschiebung (=körperlichen Stress)
  • Gewohnte Umgebung, Essen und Personen sind nicht verfügbar

Was unseren Trip zusätzlich noch «erschwert» hat war die Tatsache, dass der Papa zu Hause blieb wegen unseres Hundes und somit ein Familienmitglied gar nicht auf der langen Reise dabei war.

Warum kann eine so grosse Reise also dennoch sinnvoll sein, wenn so viele Argumente vermeintlich dagegensprechen?

  • Gerade bei Autisten wird oft so sehr auf Routinen gepocht, dass wir manchmal vergessen, dass wir diesen Kindern damit aber auch Entwicklungschancen nehmen. Wer es schafft sein Kind immer wieder mal aus der Komfortzone zu nehmen, ohne dass der Übergang zu krass in eine Panik führt, generiert Wachstum! Die Angst um unsere Kinder, die zugegeben viel mehr Hilfe benötigen, macht uns oft zu Helikoptereltern. Wir dürfen unseren Kindern trotzdem etwas zutrauen.
  • Entdecken ganz anderer Kulturen und Umgebungen bieten neue Sichtweisen auf das Leben, die wir zu Hause nicht durch Bücher oder Erzählen begreifen. Gewisse Dinge müssen wir erfahren und erleben, um sie für uns begreifbar zu machen. Viele autistische Kinder lernen eben besser durch «erfahren» als durch belehren.
  • Um alte Gewohnheiten zu durchbrechen, ist ein re-set an einem anderen Ort, wo sowieso alles anders ist, genau richtig. Die Ferienwohnung in Österreich, reicht hierzu oft nicht aus.
  • In ein Land zu reisen, wo wir die Sprache nicht sprechen und auch nicht lesen können, bedeutet, dass wir uns non-verbaler Sprache viel mehr bewusst werden. Mein Sohn hat sich sogar bemüht Englisch zu sprechen (obwohl er es nicht kann).

Was haben wir gelernt/ erreicht?

  • Wir sind alle aus unserer Komfortzone gegangen und sind enorm gewachsen! Wir haben uns sehr mutig einigen unserer Ängste gestellt. Gut ist, wenn wir uns die Erfolge auch gezielt bewusst machen. Z.b.
  • Den Kindern ist bewusst, dass sie auch schwierige Situationen meistern können
  • Den Fokus auf die Schönen Sachen/ das Positive zu legen, hilft das Negative nicht weiter hervorzuheben oder Sie erträglich zu machen
  • Ein grosses Learning war die anderen Lebensbedingungen. Die Armut in Thailand machte unseren Kindern bewusst, dass wir zu Hause eher zu viel besitzen. Dass hier andere Themen wichtig sind für diese Menschen.
  • Trotz aller Armut wurde uns extrem viel Freundlichkeit entgegengebracht und die Bereitschaft zu Teilen gezeigt. Offensichtlich gibt es den Zusammenhang von «Mehr zu besitzen» und dann auch besser zu Teilen nicht. Diese Bereitschaft ist ein innerer Zustand, den wir uns selbst kreieren können.
  • Entspannung und Erdung – tagelanges spielen im Sand und im Meer haben uns maximale Entspannung und Erdung gegeben.
  • Gewohnheiten und Routinen kann man ändern. Es gibt überall gutes Essen, es ist einfach anders. Weihnachten geht auch ohne Tannenbaum, Nebel und kaltes Wetter.
  • Neue Erfahrungen bereichern unser Leben, sogar wenn es nicht ausschliesslich nur tolle sind. Wer zu viel an bestehenden Routinen festhält, wird geistig unflexibel.
  • Mein Sohn hat sich sogar bemüht Englisch zu reden. Okay es war eher Denglisch (also Deutsch auf Englisch ausgesprochen) aber es war beeindruckend, wie er sich bemüht hat, sich auf diese Sprache einzulassen.

Wie schaffe ich es, dass mein Kind nicht in Panik gerät?

Du als Mama kennst dein Kind am Besten und kannst wahrscheinlich abschätzen, wie weit du dein Kind langsam in die Wachstumszone oder generell auf Herausforderung vorbereiten kannst. Eine Technik die ganz sicher hilft ist dein Kind langsam an solche Herausforderungen heranzuführen (im Fachjargon auch Scaffolding (=engl) oder Gerüstbau genannt) nämlich schrittweise die Herausforderung an die wachsenden Fähigkeiten deines Kindes zu erhöhen.

In der Realität sieht das vielleicht so aus: Du besuchst in einem ersten Schritt vielleicht einfach mal den Flughafen, ihr bestaunt Flugzeuge und versucht positives damit zu assoziieren. Schaue wie dein Kind reagiert. Vielleicht ist dieser Schritt schon zu gross, vielleicht kann gleich zum nächsten übergegangen werden. Als nächsten Zwischenschritt planst du vielleicht eine kurze Flugreise, dann eine alleine und zum Schluss das Meisterstück. Wichtig ist, dass du für jede Hürde die dein Kind nimmt, es dafür anerkennst. Aber sollte es auch eine Hürde geben die es NOCH nicht meistert, darfst du es trotzdem loben, alleine für den Versuch es probiert zu haben. Die Bereitschaft es nochmals zu probieren, wird damit gleich viel grösser!!

Wie kann so eine Reise geplant und umgesetzt werden, um sie für alle leichter zu machen?

  • Gib dir Zeit diese Reise zu planen und dein Warum für die Reise zu kennen
  • Die Reise nur solchen Personen weit im Voraus mitteilen, die deine eigenen Ängste nicht noch weiter schüren, sondern dir Mut und Zuversicht zusprechen
  • Bespreche mit deinen Kindern die Reise, ohne dass du Ihnen bereits zu viele «Bilder» gibst, kreiere Vorfreude (dein Warum ist dafür wichtig)
  • Achte auf ausreichend sinnvolle Snacks und Mahlzeiten während der Reise und genügend Wasser. Bestelle besondere Mahlzeitenwünsche für den Flug rechtzeitig im Voraus
  • Reserviere Plätze im Voraus, die es dir leichter machen mit deinen Kindern zu spielen oder auch mal aufstehen zu lassen (am Rand, bei den Toiletten, im Kinderbereich etc)
  • Beruhigungsdinge, die deinem Kind helfen und mitnehmbar sind, unbedingt einpacken (Kuscheltiere, Kopfhörer, Schlafmaske, Schnuller, Lieblingsmusik etc)
  • Abschiedsrituale von Familienmitgliedern oder Verwandten und Freunden kurz und knackig halten, den Abschiedsschmerz nicht unnötig vergrössern
  • Halte die Reise so komfortabel wie möglich, wähle Direktflüge und keine Billigairline (war für uns nicht ganz möglich und im Nachhinein würde ich das ganz sicher anders machen!!)
  • Bereite dich darauf vor, dass du während der Reise voll und ganz präsent für deine Kinder sein musst
  • Mache den Start und die Landung angenehm, verteile Kaugummi für den Druckausgleich und kreiere eine lustige und entspannte Atmosphäre
  • Deine eigene innere Haltung ist wichtig – deine innere Nervosität und Ängste übertragen sich auf dein Kind
  • Plane genügend Zeit beim Ankommen ein. Achte auf genügend körperliche Anpassung an das lokale Klima und Jetlag. Take it slow and easy.

Auch wenn so einiges an diesem Trip anstrengend war, möchte ich die Erfahrung nicht missen. Es tat uns gut, mal aus dem üblichen Weihnachtsfamilienstress auszubrechen und Weihnachten anders zu erfahren.

Ich freue mich darauf, mehr von der Welt mit meinen Kindern zu entdecken, immer nach dem Motto «raus aus der Komfortzone, rein in die Wachstumszone, aber immer slow and easy.» Denn wenn wir dies nicht tun halten wir uns und unsere Kind unabsichtlich zurück und klein.

Wie sieht es bei dir aus, hast du dein Kind schon auf einen langen Auslandflug mitgenommen? Was hält dich davon ab oder was war besonders wertvoll daran? Schreib mir.

Alles liebe

Carmen

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