Warum die Nasenatmung für dich und dein neurodiverses Kind so wichtig ist (Teil 1)

Gast-Co-Autor: Monika Ganser, Atemtherapeutin Middendorf und Buteyko, https://www.atempraxis-ganser.ch/

Seit mein Sohn ein kleines Baby war, hatte er Probleme mit der Nasenatmung. Die Nase war einfach immer verstopft, zuerst von der Milch, die er immer ausgespuckt hatte und später dann von den vielen Infekten und dem resultierenden Dauerschnupfen, den er hatte. Er fing also an dauerhaft über den Mund zu atmen und das wurde so schlimm, dass er schnarchte und ewig geschwollene Mandeln hatte. Kortisonspray linderte das Ganze auch nicht, also mussten die Mandeln raus. Dann, so dachte ich kann mein Kind endlich wieder ruhig schlafen. Fehlanzeige. Er atmete weiter durch den Mund und schnarchte. 

Hätte ich nur schon da gewusst, wie wichtig unser Atem ist und vor allem das Atmen durch die Nase. Denn die Mundatmung hat viele negative Folgen und stresst unseren Körper zusätzlich, auf ganz vielen Ebenen.

Was sind die Folgen von Mundatmung?

Die Folgen der Mundatmung sind genauso vielfältig wie vielschichtig, bekannt und überraschend – aber leider ganz sicher immer negativ. Diese treten auf körperlicher/muskulärer, aber auch biochemischer Ebene auf und reichen bis hin zur Sauerstoffversorgung jeder einzelnen Zelle.

Wer durch den Mund atmet, atmet grundsätzlich schneller und oberflächlicher als jemand, der durch die Nase atmet (Sie können das selbst mal mit ein paar Atemzügen ausprobieren). Langfristig kann dies zu chronischer Hyperventilation führen. Es wird zu viel CO2 abgeatmet und eine respiratorische Alkalose entsteht – das biochemischen Gleichgewicht im Körper wird gestört.

Die zwei wichtigen Gase Sauerstoff und Kohlendioxid (CO2) geraten in ein Ungleichgewicht. Es entsteht ein Mangel an CO2 und das Säure-/Basen-Verhältnis im Blut verändert sich, wodurch sich der Sauerstoff zu stark an die roten Blutkörperchen bindet und folglich nur erschwert an die Zellen (für den Stoffwechsel) abgegeben werden kann (Bohr-Effekt). Durch die verminderte Versorgung der Zellen mit Sauerstoff, gerät der gesamte Stoffwechsel aus den Fugen. Der Körper muss das lebensnotwendige Gleichgewicht auf anderem Weg aufrechterhalten:

  • Die Nieren scheiden vermehrt Bicarbonat aus: Dies fördert nächtlichen Harndrang und steigert die Atmung 
  • die Zellen produzieren Milchsäure: schmerzende müde Muskeln sind die Folge
  • mehr Calcium wird angehäuft: die Muskulatur verkrampft; das Nervensystem wird übererregt
  • Verengung der Muskulatur in den Luftwegen (Atemnot), Blutgefässen (verringerter Blutfluss/ steigernder Blutdruck), Magen/Darm/Organe allgemein (schlechtere Durchblutung)
  • etc…

Auch ist CO2 ein natürliches Relaxan, welches zur Entspannung der Muskulatur und somit der Erweiterung der Bronchien beiträgt. Fehlt es, entsteht das Bedürfnis, noch mehr atmen zu müssen.

Ein Teufelskreis. Und zu diesem addieren sich noch weitere Folgen, die besonders bei Kindern gravierend sind:

Falsche Zungenruhelage 

Die richtige Zungenlage wäre bei geschlossenem Mund oben am Gaumen. Bei geöffnetem Mund bzw. Mundatmern liegt die Zunge meist im Mundboden oder zwischen den Zähnen. Die Zunge kann auch gegen die Zähne drücken (Zungenpressen).

Dies führt zu:

Zahn- und Kieferfehlstellung: Deformierter Gaumen und krumme Zähne

Der Gaumen und der Oberkiefer sind zu schmal und folglich treten Kiefer- und Zahnfehlstellungen, wie ein offener Biss oder schiefe Zähne auf.
Die Gesichtsform verändert sich hin zu einem rückverlagerten Unterkiefer und einem länglichen Gesicht (als «Facies adenoidea» bezeichnet). Dies führt zu…

Veränderte Muskelspannung und Orofaziale Störungen

Zusätzlich liegt eine veränderte Spannung der Muskulatur in Gesicht, Kiefer/Mundhöhle, Nacken und Schultern vor was zu Verspannungen und folglich zu Kopf- und Nackenschmerzen führen kann und sich über die Wirbelsäule auf die gesamte Körperhaltung auswirkt.
Oft wird auch zu wenig Kauarbeit geleistet: Die Nahrung wird nicht genügend zerkleinert mit entsprechender Wirkung auf die Verdauung.

Schlafapnoe und Schnarchen

Der zu geringen Muskeltonus in der Mundhöhle/Zunge begünstigt Schnarchen und Apnoe (das schlaffe Gewebe beginnt zu flattern) und somit unerholsamen Schlafzustände. Schlafprobleme können langfristig motorische Unruhe, Tagesmüdigkeit, Abgeschlagenheit und eine verringerte Leistungsfähigkeit bzw. Konzentrationsprobleme begünstigen.

Karies und Zahnschäden

Durch den offenen Mund kommt es zur Speichelreduktion. Speichel ist wichtig, um die Zähen zu reminderalisieren. Zudem sinkt durch die Mundatmung der ph-Wert im Mund, was negative Auswirkungen auf den Zahnschmelz hat.

Die Spannkraft des Zwerchfells verändert sich:

  • Die Atmung wird flacher und oberflächlicher (schlechtere Belüftung der Lunge)
  • Die massierende Wirkung auf Magen, Darm und alle anderen Organe ist eingeschränkt oder entfällt.
  • Ungenügende Anregung des Lymphflusses (das Zwerchfell ist ein Teil der Muskelpumpe)

Sprachproblemen

Vermehrte Infekte

Die Nase filtert, erwärmt und befeuchtet die Atemluft. Atmen wir durch den Mund tritt folglich kalte, trockene, verschmutze Luft in die Atemwege ein und verursacht die bekannten Probleme: Häufige Erkältungen, vermehrte Schleimproduktion, etc. 

Die Basis für eine gesunde Entwicklung von Atmen, Kauen, Schlucken und Sprechen, etc. – ist also die Nasenatmung und der geschlossene Mund! 

Warum atmen Kinder durch den Mund?

Und hier sind wir bei der Henne und dem Ei: Was war zuerst?

Anatomische Ursachen für die Atmung durch den Mund 

Eine schiefe Nasenscheidewand oder ein zu kurzes Lippen- oder Zungenband lassen sich beheben. Aber auch Geburtsanomalien wie beispielsweise eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, können die Mundatmung verursachen.

Anders ist es bei u.a. vergrößerte Adenoide (Rachenmandeln), Tonsillen (Mandeln) unterentwickelte Nasenhöhlen, Nasenpolypen, Mittelohrentzündungen. Hat die Mundatmung zu chronischen Infektionen geführt und diese wiederum zur chronischen Mandel-, Nebenhöhlen, Mittelohrentzündung? Oder haben die zu grossen Mandeln zur Mundatmung geführt? Hat die unterentwickelte Nasenhöhle zur Mundatmung geführt oder die Mundatmung zur Deformation der Mundhöhle/Kiefer und damit zur Unterentwicklung der Nasenhöhle (siehe oben)?

Die Nase ist immer zu – Mein Kind kann nicht durch die Nase atmen?

Eine chronisch verstopfte Nase ist Ursache und Symptom gleichzeitig. Die Nase ist zu, man weicht auf Mundatmung aus. Dadurch schwellen die Schleimhäute umso mehr an, was die Nase nur noch mehr verstopft… und so weiter.
Bei der Nase gilt ganz klar: «use it or lose it!».

Was ist denn nun Henne und was Ei?

Die Symptome und dann die Mundatmung ODER die Mundatmung und dann die Symptome? Entscheidend ist: Die Mundatmung ist beides! Sowohl Ursache als auch ein Grund für die Verschlimmerung der Symptome! Also ein weiterer Teufelskreis.

Orofaziale Störungen 

Ein Hauptfaktor für die Entstehung der Mundatmung sind myofunktionelle Störungen.

Ein orofaciales Muskelungleichgewicht kann bereits im Baby und Säuglingsalter entstehen. Beispielsweise durch ein verkürztes Zungenbändchen, zu lange, breiige Ernährung (zu wenig Kauarbeit). Ein zu großes Saugloch in der Flasche führt dazu, dass das Baby nicht ausreichend Saugen muss und die Muskulatur (Mund, Zunge, Kiefer, etc.) nicht ausreichend trainiert wird. Ein Ungleichgewicht der Mund- und Gesichtsmuskulatur tritt auf und beeinträchtigt den Lippenschluss. Meist fehlt auch Tonus/ Kraft im Gesicht und im Rumpfbereich (siehe oben veränderte Muskelspannung).

Schädliche Angewohnheiten: Schnuller und Co

Intensives Schnullern, Daumenlutschen oder zu langes Nuckeln an der Flasche spielen ebenfalls eine Rolle. Es werden auch Zusammenhänge zwischen mangelnder körperlicher Bewegung, Fehlhaltungen und zu wenig Körperspannung im Kindesalter diskutiert.

Allergien 

Allergien können dazu führen, dass Dein Kind schlecht Luft durch die Nase bekommt und durch den offenen Mund atmet.

Symptome der Mundatmung

Woran erkenne ich, dass mein Kind durch den Mund atmet? Folgende Anzeichen, weisen darauf hin, dass dein Kind ein Mundatmer ist:

Der offene Mund: Fehlender Lippenschluss 

Das Hauptanzeichen für die Mundatmung, ist der geöffnete Mund. Die Lippen sind also nicht vollständig geschlossen. Isst dein Kind mit offenem Mund oder produziert beim Kauen und Trinken Schmatzgeräusche? Bevorzugt Dein Kind beim Essen eher weiche Konsistenzen?

Die Lippen von Mundatmern

Die Lippen sind oft rissig und trocken, die Mundecken wund. Die Oberlippe kann verkürzt sein. Die Unterlippe ist eher dick und wulstig.

Schnarchen und Mundatmung 

Auch nachts sollte der Mund geschlossen sein! Schnarchen ist nie normal! Besonders bei Kindern ist ein Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt!
Klagt das Kind am Morgen über einen trockenen Mund / hat viel Durst?

Speicheln und Sabbern durch Mundatmung?

Häufig sabbern die Kinder. Der Speichel wird verzögert abgeschleckt und fließt aus dem geöffneten Mund. Eingerissene Mundwinkel und Ekzeme sind die Folgen.

Viele der neurodiversen Kinder zeigen genau diese Symptome. Sabbern, schlechter Muskeltonus, Verdauungsprobleme, Sprachprobleme, schlechte Zahngesundheit, häufige Infekte (die oft noch Antibiotikagaben nach sich ziehen und den Darm noch mehr stressen), nächtliches Bettnässen, schlechte Entgiftung, Probleme mit dem Energiehaushalt, Fehlhaltungen, gestresstes Nervensystem und so vieles mehr.

Die Frage ist jetzt aber, ist das reversibel und wie kann man sich die Mundatmung abgewöhnen? Das lest ihr im 2. Teil dieses Blogs!

Wie ist das bei deinem Kind? Schnarcht es, atmet es durch den Mund, siehst du auch viele der Symptome, die damit in Zusammenhang hängen können? Bist du dir den Konsequenzen der Mundatmung bewusst gewesen?

Alles Liebe,

Carmen und Monika

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